Der erste Tag bis heute

Hochzeitsrede unmittelbar vor Eröffnung des Buffets - jedoch nur, wenn Ihre Gäste den notwendigen Humor mitbringen

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Inhalt:

Zunächst einmal bin ich froh, daß der heutige Termin zustande gekommen ist. Wie viele von Euch ja wissen, waren wir vor zwei Wochen auf einem vorgezogenen Flitterwochen-Trip, um für den heutigen Tag Kraft zu tanken. Wir haben dort u. a. auch lange Strandspaziergänge unternommen, die ich genutzt habe, mir die Worte für diese Rede zurecht zu legen. Angelika beobachtete zuföllig die von mir dabei völlig in Gedanken unternommenen Lippenbewegungen und drohte mir an, sich das mit der Hochzeit noch einmal zu überlegen, wenn ich zudem noch anfangen würde zu sabbern. Nun ja, das ist glücklicherweise nicht eingetreten, so daß ich heute hier stehen darf und die im Urlaub sortierten Worte zum Besten geben darf.

Da ich weiß, daß Ihr alle eigentlich nur auf den Startschuß zur Schlacht am Buffet wartet, von mir ein kurzer zeitlicher Ablaufplan: ich möchte gerne zu jedem Jahr, welches Angelika und ich uns nun kennen, ca. 5 Minuten verlieren. Wir kennen uns jetzt 14 Jahre. Dann wird mein Papa, der jetzt schon ungeduldig mit den Füßen scharrt, es sich nicht nehmen lassen, ein paar Worte zu verlieren. Um das Ganze aufzulockern, hat er eine Dia-Show über seine Diskuss-Fisch-Züchtung für Euch vorbereitet. Sind die 1,5 Stunden dann ´rum, wird mein Schwiegerpapa in einer herzzereissenden Rede über den Verlust seiner Tochter klagen, bevor dann die Trauzeugen in einem verbalen Tennismatch die Sache aus Ihrer Sicht beleuchten. Und sollte dann noch einer von Euch hier sein, kann er sich vorne an der Theke die vorbereiteten Frikadellen mit Senf abholen.

Ich denke wir sollten keine Zeit vergeuden (Papa beruhige Dich, Du kommst gleich dran), so daß ich jetzt beginne:

Ich habe hier, wie jeder sehen kann, ein großes schweres Buch mitgebracht. In diesem Buch kommt jeder in diesem Saal auf den verschiedensten Seiten einmal vor. Aus diesem Buch möchte ich einige Seiten mit Euch noch einmal durchleben.

Seite 1: ich lernte Angelika in dem zarten Alter von 14 Jahren kennen und überzeugte sie mein zu werden, indem ich Ihr einen Liebesbrief schrieb der heute noch seines gleichen sucht bzw. oft zitiert wird. Es stand dort geschrieben: Wie heißt Du? Wo wohnst Du? Willst Du mit mir gehen?

Jaaaa, nur kein Neid. Seien wir ehrlich, hätte da nicht jede Frau "Ja" gesagt?

Seite 2: Der erste Besuch bei meinen Eltern. Angelika bekleidet u. a. mit schwarzen Netzhandschuhen, die sie beim Kaffeetrinken mit meinen Eltern nicht auszog. Kurze Stille und dann kam das sorgfälltig vorbereitete Fragenbombardement meiner Mutter: Was macht Dein Vater, was Deine Mutter, bist Du katholisch....? Es hat mich damals drei Kinobesuche gekostet, damit Angelika bei mir blieb.....

Seite 3: Das erste Treffen der Eltern. Die im Vorfeld getätigten Aussagen, wie "Was soll ich denn da?", "Ich bin in einer Stunde wieder zu Hause" endeten in einer grölenden Gesellschaft, die Partygelage-Erfahrungen austauschte und zur Krönung im Wohnzimmer eine Schneeballschlacht abhielt. Peinlich. Angelika und ich haben uns damals gefragt, ob wir als Baby nicht vielleicht beide versehentlich verwechselt worden sind.

Seite 4 und Seite 5: Uuh, die überschlagen wir lieber.....

Seite 6: Ja auf Seite 6 sollte ich doch zu sprechen kommen. Damals im Alter von 16 Jahren hatte ich mich an einem Freitag Abend bereits intensiv auf meine Ausbildung und mein Studium vorbereitet und hatte mich dann noch kurz mit ein paar Freunden auf ein Bier getroffen, um über die Weltpolitik zu plaudern. Morgens um 4:00 Uhr kam mir dann die glorreiche Idee, Angelika zu besuchen und sie durch den Wurf einiger kleiner Kieselsteine an ihr Fenster zu wecken. Ja, ich weiß hier kommt, wie bereits eben durch den zauberhaften Brief deutlich wurde, der Romantiker durch. Dort angekommen, suchte ich vergebens nach Kieselsteinchen und entschied mich dann für Erdklümpchen. Ich schmiß und schmiß, aber meine Zielgenauigkeit war wahrscheinlich durch das intensive Lernen etwas beeinflußt, so daß sich erst etwa nach dem dreißigsten Wurf das Fenster öffnete. Leider war es das Fenster von meinem jetzigen Schwiegerpapa. Geistesgegenwärtig fragte ich Ihn, ob er wüßte wann der erste Bus fuhr....

Das alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht wenige Stunden später das Ergebnis meiner Wurfaktivitäten sichtbar geworden wäre: an der ganzen Hauswand klebten pfannkuchengroße Lehmklumpen.....

Seite 14 möchte ich mit der längsten Badewannensitzung meines Lebens überschreiben. Ich saß abends in der Badewanne und hörte plötzlich meinen Papa aus meinem Zimmer rufen: "Was ist denn das?". Fieberhaft überlegte ich was er gefunden haben konnte. Meine Playboy-Sammlung konnte es nicht sein, da er diese bereits vor einigen Monaten gefunden hatte, aber nichts gesagt hatte... Plötzlich fiel es mir ein, und ich entschied mich, noch ein wenig länger in der Wanne zu verweilen. Nach einer Stunde wurde das Wasser kalt, nach einer weiteren halben Stunde wurde die Haut runzelig und wäre ich noch länger in der Wanne geblieben, hätte ich heute wahrscheinlich Schwimmhäute zwischen den Fingern. So stellte ich mich der Situation und versuchte meinen Eltern zu erklären, wie wichtig heutzutage Safer-Sex ist.....

So ich denke, ich werde das Buch jetzt schließen. Mein Papa wird auch schon ganz unruhig und irgendwann werden auch ´mal die besten Frikadellen alt.....

Wir freuen uns auf jeden Fall, daß Ihr alle hier seid und ich wünsche mir, neben den hoffentlich üppigen Geschenken, daß wir einen wundervollen Abend verbringen.

Danke

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